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Immer häufiger lassen sich in allgemeinen Zeitschriften oder Medien Artikel zur Thematik der
                    Hochsensibilität  finden.  Auch  melden  sich  zunehmend  Eltern  beim  Schulpsychologischen
                Schwerpunktthema: Hochsensibilität
                    Dienst und wollen wissen, ob ihr Kind eventuell hochsensibel sei. Die Problematik im Bereich
                    der  Hochsensibilität  besteht  für  uns  Schulpsycholog*innen  einerseits  in  der  Diagnostik  als
                    auch in den wissenschaftlichen Erkenntnissen bezüglich dieses Konzeptes.
                    Was verstehen wir Schulpsycholog*innen unter Hochsensibilität?
                    Der  Begriff  der  Hochsensibilität  geht  auf  die  klinische  Psychologin  Elaine  Aron  zurück.  Sie
                    beschreibt das Konzept  der  Hochsensibilität als eine besonders  sensible Reizverarbeitung.
                    Das  bedeutet  nicht,  dass  hochsensible  Personen  eine  bessere  Nase  oder  ein  besseres
                    Gehör haben, sondern, dass bei ihnen die neuronalen Signale der Sinnesorgane tiefer im
                    Gehirn verarbeitet werden.

                    Hochsensible Kinder/Jugendliche zeichnen sich unter anderem durch folgende Eigenschaf-
                    ten aus:
                    Bewusstere Wahrnehmung:
                    Geräusche, Gerüche oder taktile Empfindungen werden schneller und intensiver wahrge-
                    nommen  und  tiefer  verarbeitet.  Zudem  sind  diese  Kinder/Jugendlichen  sehr  sensibel
                    gegenüber  Veränderungen  oder  Abweichungen  von  Gewohntem.  Sie  nehmen  zum
                    Beispiel sofort war, wenn sich etwas in einem Raum verändert hat.
                    Intensivere Sinneswahrnehmung:
                    Die  Erlebnisse,  Gedanken  und  Vorstellungen  von  hochsensiblen  Kindern/Jugendlichen
                    bleiben länger in Erinnerung. Auch dauert bei ihnen die Verarbeitung dieser Erinnerungen
                    oft länger.
           Stärkere Gefühlsregungen:
           Sowohl positive als auch negative Gefühle werden von hochsensiblen Kindern/Jugendlichen stärker
           und länger empfunden.
           Hohe Empathie:
           Hochsensible  Kinder/Jugendliche  besitzen  ein  hohes  Einfühlungsvermögen,  wobei  sie  sich  nur
           ungenügend von anderen abgrenzen können. Zum Beispiel leiden sie persönlich mit, wenn es einem
           Gegenüber nicht gut geht, egal ob sie dieser Person nahestehen oder nicht.
           Vor knapp 25 Jahren hat Elaine Aron einen Fragebogen entwickelt, die sogenannte Highly Sensitive
           Person  Scale  (HSP-Skala).  Darin  sind  Fragen  aufgeführt  wie  zum  Beispiel:  Fühlst  du  dich  schneller
           gestört von intensiven Reizen wie Geräuschen oder Gerüchen? Wird es dir zu viel, wenn du in kurzer
           Zeit verschiedene Dinge erledigen musst? Fallen dir Kleinigkeiten in deiner Umgebung  schnell auf?
           Beantwortet  man  mehr  als  14  von  27  Fragen  mit  ja,  dann  gilt  man  gemäss  diesem  Selbsttest  als
           hochsensibel.  Im  Jahr  2018  wurden  die  Fragebogen  von  Elaine  Aron  an  mehr  als  900  Personen
           getestet.  Darin  konnte  aufgezeigt  werden,  dass  es  nicht  nur  hochsensible  und  nicht  hochsensible
           Personen  gibt,  sondern  dass  Hochsensibilität  ein  Kontinuum  darstellt.  Das  bedeutet,  dass  jeder
           Mensch diese Fähigkeiten in sich trägt, jedoch in unterschiedlicher Ausprägung.
           Inwieweit  das  Konzept  der  Hochsensibilität  die  unterschiedliche  Reizverarbeitung  bei  Menschen
           erklären oder ob Hochsensibilität nicht durch bereits gut erforschte Konzepte erfasst werden kann, ist
           weiterhin  Gegenstand  der  Forschung.  Wissenschaftlich  gesichert  ist,  dass  Menschen  Reize
           unterschiedlich  verarbeiten.  Auch  sind  sich  alle  Fachrichtungen,  welche  sich  mit  der  Thematik
           beschäftigen, einig, dass es sich bei Hochsensibilität um keine Erkrankung oder um kein Störungsbild
           handelt. Jedoch kann die intensive Reizaufnahme und -verarbeitung bei hochsensiblen Personen zu
           einer Reizüberflutung führen, was psychisch und physisch eine erhöhte Stressbelastung darstellt. Es ist
           deshalb  wichtig,  dass  Eltern  von  hochsensiblen  Kindern  und  Jugendlichen  Situationen  von
           Überforderungsmöglichkeiten erkennen lernen und die Belastungsgrenzen ihrer Kinder /Jugendlichen
           kennen.  Zudem  hilft  es,  dass  hochsensible  Kinder/Jugendliche  selbst  lernen,  sich  von  einer
           permanenten Reizüberflutung abzugrenzen und verschiedene Entspannungstechniken kennen.  Wir
           Schulpsycholog*innen können bei diesen Fragestellungen eine erste Anlauf- und Beratungsstelle sein.


           Wir danken allen für das entgegengebrachte Vertrauen und die wertschätzende Zusammenarbeit
           mit uns Schulpsycholog*innen.

           Angelika Dürr, Alexandra Furrer, Nathalie Odoni, Hans-Peter Schmidlin, Fabienne Schnellmann,
           Andrea Willnauer
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